Glück im Unglück - Autorin Dorothee Sargon

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Glück im Unglück

Meine Kurzgeschichten

Glück im Unglück

Wir hatten am 17.12. geheiratet und gerade unser neues Heim bezogen. Die Wohnung war gemütlich eingerichtet, ein Tannenbäumchen sollte die Krönung sein. Weihnachten ohne Baum konnten wir uns nicht vorstellen. Am 24. Dezember in der Früh machten wir uns auf den Weg zum Weihnachtsmarkt und suchten unter den letzten Bäumchen einen 1,80 m großen Baum aus. Wir kauften alles, was zum Schmücken gebraucht wurde. Der Trend ging zwar zu elektrischen Kerzen, aber diese wollten wir nicht. Wir entschieden uns für wunderschön gedrehte, silberne Kerzen, weil wir uns für eine silberne Dekoration entschieden hatten. Mit großer Vorfreude schmückten wir nachmittags den Baum.
Anschließend legten wir die eingepackten Geschenke unter den Baum. Nach dem Abendessen sollte die Bescherung sein. Alles musste so sein, wie es uns die Eltern viele Jahre vorgelebt hatten. Wochen zuvor hatte ich Plätzchen gebacken. In verschiedenen Dosen verwahrte ich Vanillekipferl, Florentiner, Mandelmakronen und Spritzgebäck. Während der Adventszeit hatten wir schon fleißig von meinen Erstlingswerken genascht. Ich war stolz, dass mir alle Plätzchen so gut gelungen waren.
Das erste Mal in meinem Leben hatte ich Stollen gebacken. Laut Rezept sollten es zwei werden. Der Hefeteig war jedoch während des Knetens zu klebrig gewesen. Unbekümmert streute ich mehre Male Mehl über den Teig, bis ich ihn gut verarbeiten konnte. Aus zwei Stollen wurden vier, was mich doch etwas verwunderte. Nach dem Backen wickelte ich sie ein und legte sie auf den Kleiderschrank.
Nachdem wir mit allen Vorbereitungsarbeiten fertig waren, kochte ich Kaffee. Jetzt war endlich die Zeit gekommen, den ersten Stollen zu probieren. Als ich ihn aus dem Tuch gewickelt hatte, merkte ich, dass er hart wie Stein war. Selbst mit dem schärfsten und größten Küchenmesser  ließ er sich nicht in Scheiben schneiden. Ich konnte es nicht glauben. Was hatte ich falsch gemacht? Hatte ich vielleicht doch zu viel Mehl genommen? Meine Gefühle spielten Achterbahn. Mal war ich entsetzt, mal traurig und zum Schluss nur noch wütend. Mein Mann tröstete mich, nahm mich in die Arme und meinte, dass die Enten sich über diesen Leckerbissen freuen würden. Mit einer Stichsäge zauberte er kleine Stückchen. „Im Wasser weichen sie und die Enten werden zu dieser Köstlichkeit nicht nein sagen“, meinte er laut lachend.Unser erstes Weihnachtsfest in trauter Zweisamkeit. Mit kleinen Unterbrechungen spielte das Radio schon den ganzen Tag  Weihnachtslieder. Langsam kamen wir in eine weihnachtliche Stimmung.
Während wir gegen 18 Uhr unser Abendessen verspeisten, hörten wir die Kirchenglocken läuten. Wir hatten uns vorgenommen, die Christmette um Mitternacht zu besuchen.
Nachdem die Küche wieder sauber war, wurde es Zeit, die Kerzen anzuzünden. Unser Bäumchen sah richtig schön aus und strahlte in silbernem Glanz. Nun war es Zeit für die Bescherung.
Wir waren ins Auspacken der Geschenke vertieft. Zwischendurch schauten wir uns öfters glücklich an, weil jeder erraten hatte, was der andere sich gewünscht hatte. Erstaunt beobachte ich den tanzenden Glanz der Kerzenlichter in den Augen meines Mannes.
Wir hatten nur noch Augen für uns und bemerkten zu spät, dass eine Kerze im unteren Bereich des Baumes den darüber hängenden Zweig angezündet hatte. Voll Entsetzen sahen wir, wie unser schön geschmückter Baum brannte. Was tun?
Geistesgegenwärtig ergriff mein Mann den Baum an der Spitze, während ich wie zur Salzsäule erstarrt da stand.
Mein Mann schrie: „Öffne schnell die Balkontür. “Innerhalb Sekunden hatte ich die Gardine zurückgezogen und die Tür geöffnet. Vor unserem Haus war ein breiter Bürgersteig. Mit einem Blick sah ich, dass sich niemand dort befand. Der Baum landete eine Etage tiefer auf dem Gehweg und brannte lichterloh. Im Eiltempo liefen wir nach unten. Zwei Schneeschaufeln standen noch am Hauseingang. Da es kräftig geschneit hatte, konnten wir das Feuer mit Schnee löschen.An unser erstes gemeinsames Weihnachtsfest werden wir uns bis an unser Lebensende erinnern. Wir hatten großes Glück gehabt.
Ein Jahr später beschlossen wir, elektrische Kerzen zu verwenden und den Baum erst am 6. Januar zu entsorgen. Für den 31.12. hatten wir eine kleine Party geplant und befreundete Paare eingeladen. Das Wohnzimmer schmückten wir mit Girlanden und Luftschlangen, die auf dünnen Zwirnsfäden über das ganze Zimmer verteilt hingen.
Die Stimmung war gut, einige Paare tanzten, andere unterhielten sich stehend. Unser wunderschön geschmückter Weihnachtsbaum mit den elektrischen Kerzen stand in der Nähe der Balkontür. Dieses Mal waren wir überzeugt, dass nichts passieren konnte. »Aus Schaden wird man klug», dachten wir und freuten uns über die fröhliche Stimmung.
Es war kurz vor Mitternacht. Einer unserer Freunde zündete sich eine Zigarette an. Und während er sich mit einem anderen angeregt in der Nähe des Baumes unterhielt, sagte er plötzlich zu seinem Gegenüber: „Wetten, dass die Luftschlangen nicht brennen.“Noch bevor er Antwort bekam, hielt er die Zigarette mit dem Glutende an eine Luftschlange. Es machte zisch und sämtliche Luftschlangen und Zwirnsfäden über unseren Köpfen brannten so schnell wie der Wind. Glut fiel auf den Parkettboden und den Weihnachtsbaum. Wie in Zeitlupe lief alles ab und ehe wir uns versahen, stand unser Baum in Flammen.
Zuerst konnte ich nicht glauben, was ich sah. In der nächsten Sekunde riss ich geistesgegenwärtig die Gardine zurück und öffnete die Tür.
Ohne ein Wort zu sagen, packte mein Mann den Baum an einer Stelle, die noch nicht brannte. Erneut landete dieser brennend auf dem Bürgersteig.
Unsere so schön begonnene Sylvesterfeier nahm ein jähes Ende, noch bevor wir das Neue Jahr  mit einem Feuerwerk begrüßen konnten. Dieses Mal hatte sich mein Mann die rechte Hand verbrannt und wir mussten ins Krankenhaus.
„Du, kurz bevor es bei uns brannte, habe ich Silvesterkracher und Streichhölzer in meine Hosentaschen gesteckt.“, gestand er mir, während der Verband angelegt wurde. Ich war fassungslos.
Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn seine Kleidung Feuer gefangen hätte. Wir hatten Glück im Unglück und dankten dem Herrgott, dass er uns vor schlimmem Schaden bewahrt hat. 

© Dorothee Sargon

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